Noch mehr leere Migros-Regale: Jetzt fehlen plötzlich Getreideflocken
Sabrina F.* (Name der Redaktion bekannt) kauft regelmässig Getreideflocken in ihrer Migros-Filiale in Zürich. «Ich benutze die Flocken, um die süssen Frühstücksmüesli für meine beiden Kinder zu strecken, damit der erste Zuckerschock am Morgen weniger einfährt», sagt die CH-Media-Leserin.
Nicht gerade einen Schock, aber eine negative Überraschung erlebte Sabrina F. jedoch bei ihrem letzten Einkauf in der Migros: Die Getreideflocken fehlten im Regal. Nicht nur ihre bevorzugte Variante, die Bio-5-Flocken-Packungen, «auch praktisch alle anderen».
«Vielleicht sind auch anderen Konsumenten die Müesli zu süss und sie wollen das im Januar nach den vielen Weihnachtsschleckereien ändern», mutmasst die Kundin. Sind es tatsächlich die guten Neujahrsvorsätze der Kundschaft, die zum Flocken-Frust im Regal führen?
Oder hat es mit den Preisverhandlungen der Migros zu tun? Diese führten zuletzt gleich bei mehreren bekannten Produkten zu Lieferunterbrüchen wie Lindt, Toblerone, Thomy, Perwoll, Pepsi oder Rio Mare, wie CH Media aufdeckte. Ein Augenschein in einer anderen Filiale zeigt, dass es bei mehreren Flocken-Preisschildern heisst: Lieferunterbruch.
Werweissen über die Gründe
Die Migros hat keine abschliessende Erklärung parat. Sprecherin Laura Dikhoff bestätigt, dass man «aktuell eine erhöhte Nachfrage im Cerealien-Sortiment» feststelle. Dadurch könne es «vereinzelt und kurzfristig» zu Lücken in den Regalen kommen. Doch was sind die Gründe für diese erhöhte Nachfrage? Dieser Frage gehe man derzeit nach, sagt Dikhoff.
Veränderungen im Kaufverhalten unserer Kundinnen und Kunden würden immer wieder auftreten, sagt die Sprecherin. «Diese können von verschiedenen Faktoren wie Trends oder externen Einflüssen, wie etwa Empfehlungen in den Medien oder veränderten Essgewohnheiten, beeinflusst werden.» Möglicherweise tragen auch Kunden der seit Ende 2025 geschlossenen Alnatura-Filialen zum Engpass bei. Tatsächlich heisst es auch bei Coop, dass die Cerealien-Nachfrage derzeit besonders hoch ist. Allerdings seien alle Produkte verfügbar.
Edeka-Manager soll Druck erhöhen
Leere Regale dürften bei der Migros allerdings auch in den kommenden Monaten an der Tagesordnung sein. Denn sie befindet sich nach wie vor mit grossen Markenlieferanten in Preisverhandlungen. Dabei fokussiert sich Migros-Chef Mario Irminger auf rund 60 Firmen. Mit rund der Hälfte habe man die Verhandlungen inzwischen abschliessen können, wie es aus Insider-Kreisen heisst.
Intern ist zu vernehmen, dass es der Migros um den sogenannten Bestwert-Abgleich geht. Denn in der Vergangenheit hatten die Migros-Supermärkte, Denner, Migrolino und Migros Online jeweils in Eigenregie mit den Markenherstellern verhandelt – und dabei unterschiedliche Preise herausgeholt. Dabei gab es Unterschiede von bis zu 20 Prozent, im Vergleich zum Ausland sogar bis zu 30 Prozent. Nun soll der ehemalige Edeka-Manager Florian Decker als Einkaufschef für die gesamte Migros-Gruppe dafür sorgen, dass alle Geschäfte den gleichen und tiefsten Preis erhalten.
Mit diesem Powerplay möchte die Migros ihre Tiefpreisstrategie finanzieren. Denn Irminger hat angekündigt, dass man 500 Millionen Franken in günstigere Preise investiert, und zwar bei den rund 1000 wichtigsten Artikeln, die es auch bei Konkurrenten wie Aldi und Lidl gibt. Bei diesen – so glaubt die Migros – entscheidet sich die Wahl des Geschäfts für die Kundinnen und Kunden.
So geht Coop vor
Fragt sich allerdings, wie lange die Migros die Lücken im Regal aushalten kann. Denn wenn die Lieblingsprodukte fehlen, drohen die Kundinnen und Kunden zur Konkurrenz abzuwandern. So könnten aus kurzfristigen plötzlich längerfristige Umsatzeinbussen resultieren.
Meistens kommt es in solchen Fällen irgendwann zu einer Einigung. Dass es aber auch anders geht, zeigte zuletzt Coop. Nachdem sich der Migros-Konkurrent 2022 mit dem US-Riesen Mars in den Preisverhandlungen nicht einigen konnte, stoppte Coop bis heute den Einkauf zahlreicher «Ben's Original»-Reis-Produkten.
2024 lancierte der Händler gar eine direkte Kopie mit der Eigenmarke «Tom's Best» (CH Media berichtete). Vergangenen Februar sagte Coop-Chef Philipp Wyss im Interview zum Streit mit Mars: «Wenn sie wettbewerbsfähige Preise bieten, werden wir Ben’s Original wieder ins Regal nehmen. Sonst nicht. Unsere Eigenmarke, Tom’s Best, kommt bei der Kundschaft inzwischen sehr gut an.»
Mehr Macht dank Allianz?
Soweit ist die Migros noch nicht gegangen. Und: Die erzielten Verbesserungen der Einkaufspreise sind für die Kundschaft nicht immer eins-zu-eins sichtbar. Oft wird das Blockbuster-Markenprodukt, das bei allen Händlern verfügbar ist, günstiger. Doch andere Produkte bleiben gleich teuer. Es kommt zu einer Querfinanzierung. Einzig wenn man erfolgreich tiefere Einkaufspreise aufgrund von gesunkenen Rohstoffpreisen einfordern könne, würde auch alle betroffenen Produkte entsprechend direkt vergünstigt, heisst es Migros intern.
Zudem spielt die Migros offenbar mit dem Gedanken, sich künftig der internationalen Einkaufsgemeinschaft Everest anzuschliessen, die 2020 gegründet wurde. Dank der gemeinsamen Macht von europäischen Händlern wie Edeka oder Picnic könnte sich die Migros in eine bessere Verhandlungsposition bringen mit den grossen Markenherstellern. Dafür – so ein Migros-Insider – müsse sie aber zuerst ihre Hausaufgaben erledigen und bei ihren eigenen Formaten eine harmonisierte Preisstrategie etablieren. (aargauerzeitung.ch)
